Endlich sind wir uns einig….

In der letzten Contraste fand sich folgende Kolummne:

Endlich sind wir uns einig….

Wer kennt und liebt sie nicht, die elektrisierende Phase bei der ‚Geburt’ eines neuen Projektes? Viele Wochen sind mit stunden- und nächtelangen Diskussionen verbracht worden, alles wurde mehrmals hin und her gewendet, Pläne geschmiedet und wieder verworfen, anfänglich Interessierte sind weggeblieben und neue hinzugekommen. Nun fühlen sich endlich alle einig, Ungeduld und Vorfreude mischen sich, es soll endlich losgehen, in diesem Fall ein kollektives Buch-Café zu eröffnen.
Wie sollen wir das am besten konkret angehen, damit es schnell Wirklichkeit wird? Zu dieser Frage sitzen wir als externe Berater_innen oft mit Gruppen zusammen, besonders welche Rechtsform wohl die passende sein könnte, ob Verein, GmbH, Genossenschaft oder doch lieber eine GbR? Die Auswahl ist zweifelsohne ein wichtiger Punkt wenn Projekte sich mit ihrer Arbeit am und im ‚normalen’ Markt bewegen wollen. Noch wichtiger als die äußere Form ist jedoch die Frage, wie soll die alltägliche gemeinsame Praxis genau aussehen, wer will sie wie verantwortlich, verbindlich, zeitlich, mit welchen Arbeiten und welcher Absicht gestalten?
Die Entschlossenheit zur Tat wird u.a. von der persönlichen Motivation bestimmt und da bringt jede/r so seine/ihre sehr eigene mit ins Projekt, die nie bei allen Beteiligten übereinstimmt. Es wird im weiteren Beratungsgespräch deutlich, dass das kollektive Buch-Café in den Köpfen aller Beteiligten attraktiv erscheint, allerdings individuell sehr unterschiedliche Hoffnungen, Wünsche und Ziele mit in die Wiege gelegt bekommt: ein bezahlter Arbeitsplatz wird gewünscht, doch auch rein ‚ehrenamtliche’ Arbeit ist vorstellbar; eine kostendeckende Gastronomie, aber auch niedrige, erschwingliche Preise zum Selbstkostenpreis; eine langfristige Arbeitsperspektive wird mit dem Projekt verbunden, andere warten gerade auf die Zuteilung eines Studienplatzes irgendwo; einen Buchladen für die ganze Nachbarschaft stellen sich einige vor, ein ausdrücklich linkes Sortiment favorisieren andere; ein achtsamer und persönlicher, intensiven Gruppenprozess ist für einige von zentraler Bedeutung, andere sehen ihren Schwerpunkt in einer größt möglichen politischen Außenwirkung; mehrheitlich soll keine persönliche wirtschaftliche Haftung eingegangen werden, einige würden hingegen private Mittel für die notwendigen Investitionen riskieren…;
Hat das alles in e i n e m Buch-Café Platz? Widersprechen sich nicht einzelne persönliche Wünsche und Hoffnungen? Wer lässt dann von seinen Hoffnungen ab, wer geht welche Kompromisse ein, wie werden die Prioritäten bestimmt? Und bin ich noch für ein Kollektiv zu begeistern, wenn meine Vorstellungen eventuell keinen ausreichenden Platz in der Praxis finden?
Die gefühlte Einigkeit bei dem Vorhaben Buch-Café hat unerwünschte Risse bekommen. Jede/r soll doch seine/ihre persönlichen Vorstellungen verwirklichen können, schließlich liefern die individuellen Motive den Stoff (und den Mut) aus dem die Kollektiv-Träume ‚gemacht’ werden. So stellt sich schon gleich zu Beginn von Projekten eine ganz andere Aufgabe: wie gehen wir mit unseren Unterschieden um? Die Einigkeit ist vergleichsweise noch einfach herzustellen. Die Basis, die Stärke, die Dauerhaftigkeit und die Entschiedenheit von Gruppen werden hingegen von der Fähigkeit bestimmt, Unterschiede zuzulassen und konstruktiv zu integrieren, wenn sie nicht zu verschieden sind. Sicher, Überschneidungen und Gemeinsamkeiten sind der Ausgangspunkt. Der bewusste und gelungene Umgang mit Unterschieden aber ist der Grundstein…der gelingt oder auch nicht!
Das gemeinsam Gewollte ist der Wunsch, das zusammen Gekonnte die Kunst.

Willi Schwarz für die AGBeratung (AGB)


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