Keine Macht für niemand…..

Die AGBeratung (AGB) veröffentlich regelmäßig eine Kolumne in der CONTRASTE. Hier die Nummer 5:

es wird noch einige geben, die diesen legendären Song von ‚Ton, Steine und Scherben‘ im Ohr und auch im Herzen haben. Selbst wenn die Verszeile “ …ich weiß es wird passieren, wenn wir uns organisieren……“ auch noch nach 40 Jahre etwas holprig gereimt ist, findet sich dieser optimistische und programmatische Anspruch bis heute in jeder Grundsatzerklärung wieder. Das hierarchiefreie Zusammenwirken in Gemeinschaften gehört unverändert zu den ehernen Grundsätzen, zu den ganz wenigen übereinstimmenden Bausteinen nahezu aller linken, emanzipatorischen Projekte, Häuser, Initiativen, Betriebe, usw. Mögen die individuellen Unterschiede in und zwischen Gruppen noch so groß sein, die Aussage: ‚wir arbeiten ohne Hierarchien‘ erzielt rekordverdächtige Zustimmungsraten. Und das völlig zu recht. Denn ein aufrechtes und solidarisches Miteinander kann wohl als die soziale Seele jeglicher antikapitalistischer Kultur bezeichnet werden, ist die Universal-Imprägnierung gegen Ausbeutungsverhältnissen aller Art.
In der Praxis begegnen uns in nahezu allen Projektalltagen allerdings durchaus hierarchische Strukturen, Verhaltensweisen, Entscheidungsprozesse, Arbeitsformen, usw. , vorrangig in der subtilen Form der so genannten informellen Hierarchie. Auf dem Papier, in den offiziellen Satzungen der Rechtsformen, im Kollektivstatut und in den öffentlichen Selbstdarstellungen ist die Egalität, die absolute Gleichberechtigung aller Beteiligten, durchgängig verbrieft und somit in aller Regel formal gegeben.
Doch sind wir Menschen einerseits alle unterschiedlich, bringen unterschiedliche Talente, Charaktere, Kompetenzen, Erfahrungen, Risikobereitschaft oder Mentalitäten in die Projektdynamik ein. Und andererseits werden zur praktischen Umsetzung recht umfassende und oft sehr spezielle fachliche, soziale und ökonomische Anforderungen den Beteiligten abverlangt, die zum Erhalt der Projektes erbracht werden müssen. Wo sich diese beiden Linien im Alltag kreuzen, wo sich Sachzwänge mit individueller Befähigungen verbinden, bilden sich – natürlich nicht nur dadurch und dort – Knotenpunkte. Ob es uns nun passt oder nicht und jenseits von unserem Wollen, entstehen dadurch laufend mitten unter uns Machtpotenziale, die zu hierarchisierenden Entwicklungen beitragen können. Und wer persönlich diesen bedeutsamen Knotenpunkten nahe steht, diese bedienen will, dazu gedrängt wird sie zu bedienen, mangels Alternativen bedienen muss oder überhaupt kann, wird – durch den Rang an Nützlichkeit für das Gesamtprojekt – ungefragt zum Teil einer sozialen oder fachlichen Hierarchisierung in Projekten. Eine hierarchiefreie Enklave ist so gesehen eine Fiktion, was gleichzeitig die schlechte Nachricht der heutigen Kolumne ist.
Die gute Nachricht ist, dass in Gruppen die Fähigkeit beheimatet ist, diese permanente Gefährdung durch Machtbildung zu erkennen, sie anzusprechen und strukturell zu analysieren, sie zu neutralisieren und experimentell umzuverteilen. Es bleibt nichts anderes übrig, das Thema als ernsthafte und eine der schwersten Herausforderungen in unseren Projekten anzunehmen. Und zu allem Überfluss auch noch permanent, wir haben ja sonst auch nicht schon genug zu tun! Jede Gruppe beherbergt die Möglichkeit die unvermeidlichen Machtkonzentrationen zu entschärfen sowie kreativ und konstruktiv für ihre kollektive Entwicklung einzusetzen. Auch wenn viele das vielleicht am liebsten annehmen möchten, durch die beschlossene Kollektiv-Proklamation bei Gründung alleine wird lediglich ein theoretischer Anspruch propagiert. Einen angemessenen und wirksamen Weg zum Abbau von innerbetrieblichen Hierarchien erleben wir bei Gruppen, die das Thema gruppenintern fortlaufend diskutabel gehalten. Und vor allem dabei ohne persönliche Schuldzuschreibung und individuelle Vorwürfe auskommen, denn die sind ausnahmslos nur bei Vorsatz gerechtfertigt.
Es hat niemand behauptet, dass wir uns eine einfache Aufgabe gestellt haben….


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