In’s Verlieren investieren!

Die AG­Be­ra­tung (AGB) ver­öf­fent­lich re­gel­mä­ßig eine Ko­lum­ne in der CON­TRAS­TE. Hier die Num­mer 12:

Das Schreiben einer Kolumne bringt es mit sich, nicht sofort widersprochen werden zu können. Bedenken und Einwände kommen den Autor_innen selten zu Ohren, ganz im Gegensatz zu den konkreten Beratungsgesprächen mit Projekten im Alltag.
Heute nutzen wir das, um die ‚Kunst des Scheiterns’ zu erörtern, einem extrem ungeliebten, wenn nicht sogar tabuisierten und verdrängten Thema in Gruppen. Ich will damit keineswegs Werbung für ein gleichnamiges Büchlein von Konstantin Wecker machen, eher die Assoziation zu einer kleinen und feinen homepage (https://kds.grupponet.org/KdS) mit diesem Titel zulassen. Dort werden Erfahrungen mit dem kollektiven Wirtschaften und Ideen zur Vorbeugung gegen Krisen nachlesbar aufbereitet.
Das Beenden von Projekten, die Auflösung und/oder das bewusste Setzen eines Schlusspunktes hinter einem gemeinschaftlichen Versuch gehört tatsächlich zu der ganz hohen Kunst kollektiven Handelns und stellt höchste Ansprüche an alle Beteiligten. Und gleichzeitig ist ein zwischenzeitlicher oder endgültiger Abbruch eines solidarisch angelegten Vorhabens ein nahe liegender und gelegentlich sogar notwendiger Schritt zu einer Entwicklungskultur von Experimenten und Projektversuchen. Selbstverständlich wird keine Gruppe bereits bei ihrer Gründung das Ende mit ‚fliegenden Fahnen’ anstreben, im Gegenteil, da bilden Optimismus, Leidenschaft, Gemeinschaftlichkeit, Einigkeit, Zieldefinitionen und Willensstärke die Motoren. Doch genau diese unverzichtbaren Zutaten, dieser empathische und anspruchsvolle Nährboden, rückt auch die Möglichkeit bzw. die Wahrscheinlichkeit für ein Scheitern bzw. das Nichterreichen dieser umfassend ambitionierten Ziele in denkbare Nähe. Basisdemokratisches, solidarisches, kollektives, einstimmiges, geschlechtsegalitäres, politisches, nachhaltiges, eigenverantwortliches und nichtkommerzielles Handeln, all das ist ein schwerer Rucksack, der ernst genommen kaum ein Projekt aus dem Startblöcken kommen lassen würde. Das ‚auf der Strecke bleiben’ ist viel wahrscheinlicher als ein jubelnder Zieldurchlauf. Ein zumindest teilweiser Misserfolg mit diesem Riesenstrauß aus Hoffnungspflänzchen kann somit keine komplette Überraschung sein und ist absolut kein Pessimismus. If you jump – jump high, das gehört zur motivationalen Grundausstattung. Dazu sollte aber auch gehören, dass nicht jeder Versuch tauglich ist, nicht zu jeder Zeit, nicht an jedem Ort, nicht in jeder Gruppenzusammensetzung, nicht in jeder Branche, nicht mit den gewählten Mitteln und nicht mit jedem Ziel.
Ja, selbstverständlich sind Kompromisse notwendig, Erfahrungen müssen Absichten korrigieren, persönliche Lernprozesse reduzieren die Geschwindigkeit, begrenzte Ressourcen verengen den Zielkorridor, alltägliche Problemlagen zwingen zum Pragmatismus, die Marktökonomie gibt enge Grenzen vor, usw. Alles das können wir wohl Anpassung nennen und gehört zur langen und unvermeidlichen Zeit des Zufriedengebens, der Relativierung auf ein machbares, ein lebbares, auf ein sehr wahrscheinlich realistisches Maß, nicht der große Sprung nach vorne. Damit können viele leben, doch müssen es eigentlich nicht automatisch. Denn die in dieser ‚Konsolidierungsphase’ typisch einsetzende Fluktuation oder innere Immigration in Gruppen sind keine unabänderlichen Naturschauspiele. Es ist auch erlaubt das Nichterreichen der ursprünglichen Absichten zu konstatieren, bei allem guten Willen und großen Anstrengungen, besser ging’s an dieser Stelle halt nicht! Um dann in neuer Zusammensetzung, an einem anderen Ort, mit einem veränderten Ziel, auf alle Fälle aber wieder mit viel Herz und Verstand den Spaten erneut anzusetzen. Das Projekt, die Idee ist in anderen, vielleicht unverbrauchteren, ideenreicheren oder mutigeren Händen besser aufgehoben als bei uns Gründer_innen selber, oder? Das wäre genau kein Scheitern, sondern das ‚Heldentum’ des aufrechten und rechtzeitigen Rückzuges. Und eine neue Chance.
Geht nicht, traue ich mich nicht, kann ich nicht, will ich mir nicht eingestehen? Nur Mut, diese Diskussion anzustoßen, ihr werdet erstaunt sein, wie diese Perspektive Auseinandersetzungen belebt. Das ist in jedem Fall besser als sich in einer Wagenburg zu verschanzen, die durch billige Mieten in Hausprojekten, den sicheren Arbeitsplätzen in Kollektiven, der vertrauten Zugehörigkeit in Initiativen oder ‚nun-haben-wir-schon-soviel-investiert’ zusammenhält. Es geht mehr, viel mehr!
Nun ist die Kolumne ein Plädoyer für eine Neudefinition des sog. Scheiterns geworden, als integralen, sogar notwendigen und somit konstruktiven Bestandteil einer positiven und den Beteiligten angemessenen Entwicklungskultur von Experimenten und Projekten: nicht eine Panne oder Ausnahme. Und der Aufbruch zu neuen Ufern.


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