CECOSESOLA – Kleiner Bericht von meiner Zeit hier – Teil 2

Teil 1 findet sich hier

Schlangestehen im FeriaDelCentro (Cecosesola)
Schlangestehen im FeriaDelCentro (Cecosesola)

In diesem zweiten Teil meines Berichts geht es um die Themen:
-1300 Arbeiter_innen, 100 Millionen US $ Umsatz, 3000 Treffen pro Jahr…
-Alle machen alles
-Die Schule
-Die inter-kooperative Austauschwoche
-Auswirkungen der venezolanischen Wirtschaftskrise
-Schlangen, Beschiss und Kontrollen

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1300 Arbeiter_innen, 100 Millionen US $ Umsatz, 3000 Treffen pro Jahr…
Meine erste Woche bei Cecosesola bestand vor allem aus einem Programm, die verschiedenen Kooperativen und Arbeitsbereiche kennenzulernen.
Mit dem kooperativen Bestattungsinstitut samt einer Art Beerdigungs-Versicherung fing ja 1967 die Geschichte des Kooperativen-Netzwerks an. Einer, der seit damals dabei ist, und seine Tochter zeigen mir die Sarg-Auswahl, die Aufbahrungs- und Trauerraeume, die Utensilien fuer die Aufbahrung zu Hause, den Raum zur Praeparation der Toten, die Sargfabrik, den Fuhrpark von Leichenwagen und einen Reisebus, mit dem die Beerdigungsgesellschaften zu den oft abgelegenen Friedhoefen gefahren werden. Das Bestattungs-Institut scheint auch der konservativste Bereich von Cecosesola zu sein, mit den meisten alten Maennern und der einzige, in dem die Maenner nicht kochen.
Eigentlich wollte die Kooperative auch einen eigenen Friedhof gruenden. Als das an vielen buerokratischen Huerden scheiterte, wurde stattdessen ein Erholungsort fuer alle Kooperativen-Mitglieder aus dem Gelaende gemacht, mit Swimming Pools, Imbissbude und Musik; sowie ein produktiver Bereich mit Fischzucht, Herstellung von Bio-Duenger und etwas Acker. Die kostenlose Nutzung des Erholungsbereichs ist eines der wenigen Privilegien fuer Kooperativen-Mitglieder und deren Familien, so ziemlich alle anderen Bereiche stehen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern gleichermassen zur Verfuegung. Jeder Arbeitsbereich soll selbst fuer Einnahmen sorgen, die mindestens die eigenen Kosten und Loehne decken, daher die Kombination mit produktiven Taetigkeiten.
Ueber die Stadt verteilt sind die drei grossen Ferias des Netzwerks, mit jeweils mehr als 20.000 Einkaufenden pro Wochenende. Darueber hinaus gibt es eine Handvoll eigenstaendige, kleine bis mittelgrosse Kooperativen, die jeweils auch Obst und Gemuese und Trockenwaren verkaufen, je nachdem einen kleinen Gesundheitsbereich und eine Sparkasse betreiben und Elektrogeraete verkaufen. 10.000 Tonnen Lebensmittel pro Monat bereitzustellen ist ein nicht zu unterschaetzender Aufwand an Einkaufskoordination und Buchhaltung – einer der Bereiche, in dem es am meisten beeindruckt, dass es hier ganz ohne Chefs und Hierarchien funktioniert. In der zentralen Buchhaltung arbeiten 35 Menschen in einem Grossraumbuero, viele kleine Schreibtische eng an eng, nicht gerade die modernsten Geraete.
Auch hier wird ein Viertel der Arbeitszeit fuer Treffen benoetigt. Die meisten haben sich die noetigen Kenntnisse hier erworben – die interne Aus- und Weiterbildung ist ein wichtiger Teil der Arbeit. Die meisten Arbeiter_innen von Cecosesola kommen aus der Unterschicht, viele haben kaum Schulbildung, nicht wenige haben gerade mal die Grundschule absolviert. Umso beeindruckender, wie viel Wissen Menschen sich in einem selbstorganisierten Zusammenhang aneignen und gegenseitig beibringen koennen. Immerhin verwaltet dieses kollektiv organisierte Buero einen Jahresumsatz von 100 Millionen US $, samt komplizierter venezolanischer Steuer-Buerokratie.

Das Gesundheitszentrum
Der relativ juengste Bereich ist das etwa sieben Jahre alte Integrale Kooperative Gesundheitszentrum. Es wurde geplant und gebaut, als die kleineren Gesundheitszentren der einzelnen Kooperativen den Bedarf nicht mehr decken konnten. Die staatliche Gesundheitsversorgung in Venezuela ist zwar kostenlos, aber ueberfuellt und schlecht ausgestattet. Private Kliniken sind fuer die meisten unbezahlbar.
In einem kollektiven Prozess geplant und mit ausschliesslich eigenem Geld der Kooperativen und Spenden aus der community gebaut, ist ein beeindruckendes vierstoeckiges quasi-Krankenhaus entstanden, mit viel Gruen, Durchzug von frischer Luft, Platz fuer Treffen und Kurse (Yoga, natuerliche Geburt,…). Es gibt die diversen schulmedizinischen Fachaerzt_innen ebenso wie alternative Therapie-Angebote wie Akupunktur und Massagen. Um letztere zugaenglich zu machen, werden sie von den anderen Bereichen querfinanziert, so dass die alternativen Therapien sehr guenstig sind. Dank einer Woche mit viel Fieber und Schnupfen konnte ich das Gesundheitszentrum auch aus der Kranken-Perspektive erleben.
Teil des Konzepts ist eine Art minimale Krankenversicherung, an der alle Kooperativen-Mitglieder und alle anderen teilhaben, die wollen. Fuer einen kleinen woechentlichen Beitrag erhaelt mensch das Recht auf kostenlose Behandlung. Fuer speziellere Folgebehandlungen und Medikamente muss dann aber wieder bezahlt werden. Gerade Medikamente sind in der aktuellen Krise ein Riesenproblem.
Beim woechentlichen Treffen des Gesundheitszentrums sitzen etwa 60 Menschen im Kreis und besprechen aktuelle Probleme und Vorkommnisse, beraten ueber die inflationsbedingt noetige Anhebung der Preise fuer die verschiedenen Behandlungen, und Interessierte am Neu-Einstieg werden vorgestellt. Ein Dauerthema ist die Zusammenarbeit mit den Aerzt_innen. Nur drei Aerzt_innen sind volle Mitglieder der Kooperative, die fuer den gleichen Lohn wie alle anderen arbeiten, sich rotierend auch an der Arbeit auf den Maerkten beteiligen und an allen Entscheidungen und Diskussionen teilhaben. Alle anderen Aerzt_innen lassen sich pro Behandlung bezahlen, verdienen deutlich mehr und nehmen nur sporadisch teil an den Treffen. Die Gewohnheit der Aerzt_innen, Chefs zu sein und die Gewohnheit der gelernten Krankenpfleger_innen, den Aerzt_innen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, werden immer wieder thematisiert, auf der Suche nach gleichberechtigteren Wegen der
Zusammenarbeit.

Alle machen alles – das Prinzip Rotation
Zu jeder der drei grossen Ferias gehoert ein Team von 150 bis 180 Menschen. Diese uebernehmen rotierend alle anfallenden Aufgaben: Regale einraeumen, Kassieren, Putzen, Inventur, Wachdienst an den Eingaengen, Kochen fuers Mittagessen, Buchfuehrung ueber Ein- und Ausgaenge von Waren. Ausnahmen sind das Abladen der LKWs und die naechtlichen Wachdienste, das sind Domaenen der juengeren Maenner. Wer an der Kasse zu viele Fehler macht, wird nicht mehr dort eingesetzt – aber fast alle koenen es lernen, egal welchen Bildungsstand sie mitbringen.
Auch die woechentliche Lohnauszahlung wird jedes Mal von einer_einem anderen gemacht – ein Akt von besonderer Symbolik fuer die compañeros. (Aufgrund der Inflation mussten im Januar fuer den Wochenlohn pro Person 350 Geldscheine abgezaehlt werden. Das war ein so wahnsinnig grosser Arbeitsaufwand, dass zum Teil zu Ueberweisungen uebergegangen wurde – die konnten aber nicht so einfach rotieren wie die Barzahlung und waren deshalb hoechst umstritten.)
Alle bekommen den gleichen Lohn (Kinderzuschlaege machen einen kleinen Unterschied), der etwas ueber dem Mindestlohn liegt. In der aktuellen Krise reicht das nur knapp zum Essen. Durch die Krankenversicherung, die Mittagessen und den Zugang zu guenstigen Lebensmitteln gehen die compañeros trotzdem davon aus, dass sie aktuell zu dem Viertel der Bevoelkerung gehoeren, dem es noch am besten geht.
An verschiedenen Tagen der Woche arbeiten viele an verschiedenen Orten. An den Freitagen und Samstagen werden alle, die koennen, plus freiwillige Helfer_innen auf den Maerkten gebraucht. An diesen Tagen bleibt in der Buchhaltung, im Gesundheitszentrum, in der Schule nur eine Minimalbesetzung. Wer am Wochenende regelmaessig in einer Feria mitarbeitet, geht auch zu deren woechentlichen Treffen. Viele haben noch weitere Aufgaben: die regelmaessige Begleitung einer Landkooperative, die woechentliche Radiosendung, u.v.m.
Nach ein paar Jahren ist gewuenscht, in eine andere Kooperative, einen ganz anderen Arbeitsbereich zu wechseln. Die Bereiche, die langes Einarbeiten und mehr Fachwissen und Erfahrung erfordern, rotieren am langsamsten – wie die Einkaufskoordination, die Buchhaltung und die Oeffentlichkeitsarbeit. Aber auch hier wird gelegentlich reflektiert, wer schon am laengsten dabei ist und den Platz frei machen sollte fuer Neue.

Die „Schule“
Um zu verstehen, was die escuela (Schule) macht, habe ich eine Weile gebraucht. Das hat damit zu tun, dass bei Cecosesola fast die ganze Arbeit, die Treffen, die Oeffentlichkeitsarbeit und der Kontakt mit der community als Bildungsprozesse angesehen werden. (Gerade bei Problemen, Konflikten und Fehlern wird regelmaessig gesagt, dass das ja grossartige Gelegenheiten sind, etwas daraus zu lernen. Entsprechend Zeit wird sich in den Treffen genommen, darueber habe ich im ersten Teil ja schon berichtet). Ausserdem gibt es interne Fortbildungen, regelmaessige Austauschwochen mit den Landkooperativen, internationale Besucher_innen und Reisen in andere Laender, Veranstaltungen im 50. Jahr von Cecosesola u.v.m. So hat die Schule ziemlich viel zu tun. Ein Bueroteam von etwa 7 Menschen koordiniert die formaleren Veranstaltungen und kuemmert sich z.B. um die facebook-Seite und um Aushaenge, und sind Anlaufstelle fuer alle moeglichen Fragen von aussen.
Das woechentliche offene Treffen der Schule mit 15 bis 35 Menschen aus dem Netzwerk war ein bisschen meine Bezugsgruppe in der Zeit dort. Hier wurden praktische Fragen im groesseren Rahmen besprochen. Vor allem aber wurden die aktuellen Debatten und Ereignisse aus den vielen Treffen von Cecosesola reflektiert, mit Augenmerk auf Bildungsprozesse und Entwicklungen. Es wurde z.B. diskutiert, wie eine besonders hitzige Debatte gelaufen ist, in welcher Weise Kritik geaeussert wurde oder wie mit einem Vorfall weiter umgegangen werden kann, um daraus zu lernen und sich nicht daran zu zerreiben. Menschen, die an solchen Debatten oder Vorfaellen beteiligt waren, wurden zum Treffen der Schule gezielt eingeladen, um direkt mit ihnen und nicht ueber sie zu reden. Ein solches heisses Thema war ein unaufgeklaerter Diebstahl. Klar war, dass es compañer*s waren, aber wer? Misstrauen, Verdaechtigungen, mindestens zwei Ausstiege, heisse Diskussionen, harte Kritik, verhoeraehnliche Ausfragereien auf Treffen waren die Folgen. So hatten wir in der Schule viel zu analysieren und zu hinterfragen.

Die inter-kooperative Austauschwoche (Encuentro Vivencial)
Einmal im Monat fahren 35-50 compañeros fuer 4 Tage zu einer der Landkooperativen des Netzwerks, um dort mitzuarbeiten und sich kennenzulernen. Der zweite Teil der Woche ist in der Stadt, hier tauschen alle Teilnehmenden ihre Arbeit, so dass sie in Kooperativen und Bereichen mitmachen, die sie noch nicht kennen.
Bei einer solchen Austauschwoche konnte ich dabei sein und es war grossartig, mal nicht der einzige Fremde zu sein, der neugierige Fragen stellt, sondern mit einem ganzen Bus voll ahnungsloser Staedter_innen aufs Land zu fahren. Unser Ziel war die Erzeuger-Gemeinschaft „Agua Azul“, sechs Stunden Busfahrt entfernt und auf etwa 1600 m Hoehe inmitten wunderschoener Berge gelegen. Fuer die Menschen aus Barquisimeto war es dort schon „Uii, wie kalt!“, denn morgens war es angenehmer, einen Pulli ueberzuziehen. Die gastgebende Gruppe besteht aus 23 landwirtschaftlichen Erzeugern, alles Maenner, die weitgehend selbststaendig auf ihrem je eigenen Land arbeiten, aber den Anbau gemeinsam planen und zusammen die Maerkte beliefern. Ausserdem gibt es einige gemeinsame Flaechen und bei Bedarf wird sich gegenseitig geholfen. Wir wurden in der Lagerhalle empfangen, die in den naechsten Tagen Versammlungsort mit den insgesamt 55 Menschen, Schlafplatz fuer einige und Parkplatz fuer den Bus werden sollte.
Die interkulturelle Begegnung von Grossstadt- und Landbewohner_innen ist spannend und von gegenseitiger Neugier gepraegt. Die Landwirte sind eher schuechtern und nicht so gewohnt in grossen Gruppen zu reden. Die starke Praesenz von Frauen in den Debatten scheinen sie auch nicht so gewohnt zu sein. Die Grossstadt-Gruppe ist selbst recht vielseitig, 3 bis 73 Jahre alt, seit 5 Monaten oder 40 Jahren bei Cecosesola, aus verschiedenen Stadtteilen und sozialen Hintergruenden. Die Stadtmenschen sind voellig verbluefft, dass hier auf dem Dorf drei Saecke Mais den ganzen Vormittag vor einer Tuer stehen und nicht wegkommen – gerade Mais als Mangelprodukt, aber auch sonst in Barquisimeto undenkbar. Oder dass die wenigen Autos einfach ungefragt anhalten, wenn Menschen eine Strasse entlanggehen und fragen, ob wer mitfahren will – unglaublich aus Grossstadtsicht.
Vormittags arbeiten wir jeden Tag ein bisschen auf den Aeckern. Mit 50 Menschen ist das Unkraut schnell beseitigt, so bleibt viel Zeit zum Kennenlernen. Dass wir die ganzen Tage immer in der Riesengruppe unterwegs sind, stoert ausser mir niemanden, eher wurde das in der Auswertung als besonders toll hervorgehoben. Wegen der steilen Hanglagen ist die Arbeit reine Handarbeit. Auf einem extrem steilen Sellerie-Feld machen dann auch viele der Besucher_innen nicht mehr mit, weil die geeigneten Schuhe und die Uebung fehlen, um sich hier zu bewegen. Wie die Landwirte bei der Ernte die vollen Saecke zur Strasse kriegen wollen, bleibt ein Raetsel… Viele sagen spaeter, dass sie das Gemuese auf den Maerkten nun mit ganz anderen Augen sehen.
Bei einem der Treffen am Nachmittag thematisieren die Gastgeber, dass sie sich manchmal nicht so recht willkommen fuehlen, wenn sie Donnerstag abend das Gemuese anliefern, und den Umgang teilweise als arrogant empfinden. Das Thema wird ausfuehrlich diskutiert und in der Woche danach in die verschiedenen Treffen in Barquisimeto getragen.
Die Handelsbeziehung zwischen den Erzeugern und den Ferias versucht ein Stueck weit, kapitalistische Logik zu umgehen. 2-4mal jaehrlich treffen sich Vertreter_innen aller Produzierenden mit der Einkaufskoordination fuer zwei Tage und stellen ihre moeglichen naechsten Aussaaten vor, und welche Kosten inkl. Lohn ihnen dabei entstehen. Aufgrund der Kosten wird ein Preis festgelegt, zu dem das jeweilige Produkt dann je nach Fruchtdauer 3-12 Monate spaeter abgenommen wird. Dieser Preis liegt
in der Regel etwas ueber dem Marktpreis, kann aber auch unter dem zum Erntezeitpunkt geltenden Marktpreis liegen, weil er eben nicht nach Marktlogik festgelegt wird. Bei den Treffen koordinieren die verschiedenen Erzeuger-Gemeinschaften auch, wer wieviel von was anbaut, um die noetige Vielfalt an Obst und Gemuese zu sichern.
Der riesige Bedarf der Ferias an landwirtschaftlichen Produkten wird etwa zur Haelfte so gedeckt, fuer mehr braucht es erst noch neue Kooperativen. Die andere Haelfte wird nach Moeglichkeit direkt von selbstaendigen Erzeugern gekauft, mit denen sich um eine regelmaessige verbindliche Zusammenarbeit bemueht wird. Ziel ist es, Zwischenhandel moeglichst auszuschalten. Erst wenn es gar nicht anders geht, wird das noch fehlende Obst und Gemuese vom Grosshandel zugekauft.
Am letzten Nachmittag fahren wir zum Fluss, ausser mir hat fast niemand eine Badehose, die meisten gehen mit langen Hosen, teils auch mit T-Shirts ins Wasser. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird ein bisschen getanzt, und die Jungs besorgen Rum.
Wieder in der Stadt gibts einen Auswertungs- und Diskussions-Tag und dann kommt der Arbeitstausch am Wochenende. Ich fahre mit zwei compañeros zur Kooperative „8 de marzo“ (8.Maerz) in Sanare, eine Stunde von Barquisimeto entfernt. Hier werden Vollkorn-Nudeln hergestellt und Sojabrocken u.a. abgepackt. Urspruenglich eine Frauenkooperative, haben sie mit der Anschaffung der riesigen Nudelmaschine auch einige Maenner aufgenommen, weil sie, wie sie sagen, die „plumpe Kraft“
(„fuerza boba“) der Maenner fuer einige der schweren Arbeiten brauchten. Wir verbringen den Tag mit dem Abfuellen von Nudeln mit Moehren-Geschmack in Plastiktueten. Am anderen Tag ist auch hier Markttag, es gibt etwa die gleichen Produkte wie auf den grossen Ferias, aber Gemuese und Trockenwaren passen zusammen in einen kleinen Laden. Trotzdem muessen auch hier die 200 Einkaufswilligen am Tag vorher eine Nummer ziehen, um an die begehrten Nudeln und Zucker zu kommen. Fuer die Gesundheit der community gilt hier die Regel: Nur wer mindestens 3 kg Gemuese kauft, bekommt Trockenwaren.

Wie die venezolanische Wirtschaftskrise sich auf Cecosesola auswirkt:
Die Schlangen

An meinem ersten Markttag Anfang Januar war mir zum Heulen zumute, als ich die tausenden Menschen gesehen habe, die wegen der knappen Lebensmittel wie Zucker und Nudeln anstehen – und nicht etwa weil sie die Produkte geschenkt bekommen, sondern zu Preisen, die sich die meisten nur knapp leisten koennen. Dass eine solidarische und offene Bewegung wie Cecosesola massive Kontrollmassnahmen ergreifen muss, um die Schlangen in ruhige Bahnen zu lenken, fand ich besonders traurig.
Dabei ist die Situation allen Berichten zufolge viel entspannter als noch vor einem halben Jahr. Mitte 2016 eskalierte die Situation in den Schlangen bei allen Ferias mehr und mehr. Am gefragtesten war und ist das Maismehl fuer das Grundnahrungsmittel Arepas (etwa so grundlegend wie Brot in Schland), aber auch Zucker, Nudeln, Toilettenpapier, Zahnpasta waren und sind selten und zu ueberhoehten Preisen zu bekommen. Bei Cecosesola wurden diese Dinge, wenn es sie gab, recht preiswert verkauft. Die Leute fingen an, sich schon Tage und Naechte vor dem Markttag Plaetze in der Schlange zu reservieren. Die Schlangen reichten einmal um den Block herum, bis zu 1 km. Gewiefte reservierten einen ganzen Bereich schon Tage vorher, um die Warteplaetze zu verkaufen. Andere versuchten sich mit Gewalt, teils mit Waffen, vordere Plaetze zu sichern. Bei der Feria Ruiz Pineda wurden insgesamt drei Menschen bei solchen Auseinandersetzungen umgebracht. Die Kooperative musste Polizei und Armee zu Hilfe rufen, die ihrerseits gewaltsam versuchten fuer Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Die Situation wurde so unertraeglich, dass etwas geaendert werden musste. Das Maismehl wurde ganz aus dem Sortiment genommen. Ein umstrittener Punkt, weil gerade die kleineren Kooperativen gerne wenigstens fuer die Mitglieder weiter Maismehl gehabt haetten. Aber die Prinzipien „Alles im Dienst der community“ und „Keine Privilegien fuer die Mitglieder“ waren ausschlaggebend. Bei Treffen und zwischendrin werden, wie im ganzen Land, regelmaessig neue Rezepte fuer Arepas ganz ohne Maismehl ausgetauscht. Zucker wird lieber nur noch jedes zweite Wochenende verkauft.
Die kleine laendlichen Kooperative „8 de Marzo“ begann als erste, einen Tag vorher Nummern zu vergeben. Dafuer wurden und werden die etwa 200 Personalausweise der Einkaufswilligen in eine Kiste geworfen, geschuettelt und in der Reihenfolge gezogen, in der am naechsten Tag eingekauft werden kann. Die Verlosung dauert eine Dreiviertelstunde und am naechsten Tag verkuerzt sich das Warten vor dem Laden deutlich, weil die Nummer eine Orientierung gibt. Noel erzaehlt mir, wie die mittelgrosse Kooperative El Triunfo das auch so versucht hat, mit etwa 4000 Menschen, die einkaufen wollten.
Obwohl sie die Leute in drei Gruppen aufteilten (vor dem Markt, auf dem Sportplatz, an einer Strassenecke) war es eine Katastrophe. Die Ausgabe von je knapp 1500 Ausweisen dauerte bis tief in die Nacht. Leute wollten verzweifelt ihren Ausweis wiederhaben, aber der war ja nicht so schnell wieder rauszufischen.
Noel und andere findige cooperativistas haben deshalb ein Computerprogramm fuer alle ferias entwickelt, das die Nummern nach Zufallsprinzip vergibt. Die Einkaufswilligen muessen an einem der Tage vorher mit ihrem Ausweis kommen und bekommen einen Nummernzettel. Ab Maerz gibt es statt Zettel eine personengebundene Chipkarte und an den Eingaengen Computer, die anzeigen, ob die Person tatsaechlich an der Reihe ist. An den Eingaengen ordnen Menschen von Cecosesola die Schlangen. Zum Teil helfen Freiwillige von den kommunalen Raeten dabei (consejos comunales – Kiez-Vertretung, basisdemokratisches Element des venezolanischen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“). Bei den grossen Ferias sind Armee und Polizei beteiligt.
An meinem erwaehnten ersten Markttag wurden die Leute vor dem Tor sortiert, von jeweils hundert Menschen die Ausweise eingesammelt (z.B. die Nummern 7300 bis 7399), ein Soldat mit dem Ausweisbuendel in der Hand begleitete dieses hundert dann auf den Hof zur eigentlichen Schlange, wo den Menschen in genau der Reihenfolge die Ausweise wieder ausgehaendigt wurden. Durch ein kleines Labyrinth von Gittern (die Vordraengeln erschweren sollen) gelangten die Menschen zu einer weiteren Ueberpruefung ihres Nummernzettels und waren endlich drin in der Halle mit den Trockenwaren – um sich spaeter wiederum an der Kasse anzustellen.

Beschiss und Kontrollen
Die Vielfalt der Tricks und Kniffe der Menschen aus der community, um schneller oder ueberhaupt einkaufen zu koennen, ist enorm: Leute leihen sich Ausweise von anderen, um mehrmals am Wochenende einkaufen zu koennen, wollen mit den Ausweisen ihrer Kinder rein, drucken sich die Nummernzettel selbst oder kopieren sie. Es gibt die bevorzugte Schlange der Senior_innen und koerperlich Beeintraechtigten, die sich teilweise dafuer bezahlen lassen, dass jemand sie begleitet, „um ihnen zu helfen“ und dabei selbst einzukaufen. Die Verlockung, Produkte „mitgehen“ zu lassen, ist verstaendlicherweise gross, wenn der Wochenlohn nicht fuers Noetigste reicht.
In der Hinsicht sind die cooperativistas nicht gerade nachsichtig. Die Senior_innen duerfen nur noch ohne Begleitung einkaufen. Essen innerhalb des Marktes ist verboten, auch fuer die Arbeitenden. An den Ausgaengen sitzen compañeras und compañeros, die sich von allen Einkaufenden den Kassenbon und den Tascheninhalt zeigen lassen und den Bon dann ungueltig machen.
Wer trickst, wird fuer 3 Monate „blockiert“, d.h. bekommt keine Nummer mehr fuers Trockensortiment. Wer beim Klauen erwischt wird, fuer immer und fuer alle Maerkte von Cecosesola. Begruendet wird das damit, dass das System der Nummernvergabe per Zufallsprinzip nur akzeptiert wird, wenn es klare fuer alle gleichermassen geltende Regeln gibt, die auch eingehalten werden. Die Befuerchtung ist, dass sich an jedem erfolgreichen Tricksen andere ein Beispiel nehmen und das ganze muehsam eingerichtete System ad absurdum fuehren.
Das Klauen wird so schwer genommen, weil es eine Verabredung gibt, dass ein Verlust von 1% der Produkte toleriert wird (das ist nicht viel mehr als das, was z.B. kaputt geht und im Muell landet oder wo sich Leute bei der Inventur verzaehlen). Ist der Verlust hoeher, wird das auf den kollektiven Lohn umgerechnet, das heisst alle bekommen etwas weniger. Diese Verabredung erhoeht die Motivation, sehr genau buchzufuehren ueber die Ein- und Ausgaenge von Waren, setzt aber auch unter Druck.
Ich durfte miterleben, wie allen „Blockierten“ die Gelegenheit gegeben wurde, zur Feria zu kommen und zu reden. Wir sassen mit 4-5 Menschen von Cecosesola und der „blockierten“ Person im Kreis, haben uns vorgestellt und uns die jeweilige Geschichte angehoert. Die meisten hatten einen starken Wunsch, so schnell wie moeglich wieder einkaufen zu koennen, und entschuldigten sich wortreich. Die Fragen der compañeros waren freundlich und daran interessiert, etwas ueber den sozialen und familiaeren Hintergrund der Person zu erfahren. Ein anderes Thema war, was die Person ueber die Kooperative weiss. Es wurde versucht darzustellen, was das Besondere an Cecosesola ist und warum Transparenz, Ehrlichkeit und Solidaritaet hier so wichtig genommen werden. „Wir nutzen die Gelegenheit fuer einen Bildungsprozess, damit die community uns besser kennenlernt“, beschreibt Ender das Vorgehen.
Allen, die auf die eine oder andere Art geschummelt hatten, wurden nach den Gespraechen die Blockierungen aufgehoben. Einem, der geklaut und danach einen ruehrenden Entschuldigungsbrief geschrieben hatte, wurde die Blockade aufgehoben unter der Bedingung, dass er am naechsten Markttag einige Stunden selbst bei den Taschenkontrollen helfen sollte.

Weitere Herausforderungen
Die Wirtschaftskrise bringt noch etliche weitere Probleme mit sich, die Cecosesola vor verschiedene Herausforderungen stellen. Das Einkaufsteam braucht viel mehr Leute und hat viel mehr Arbeit und trotzdem gibt es manchmal kaum was zu verkaufen. Die Arbeiter_innen von Cecosesola duerfen zwar eine Tag vorher abends ohne Nummer einkaufen, aber auch fuer sie gilt die gleiche Knappheit. An den Eingaengen sind viel mehr Leute noetig als vorher, ein privater Wachschutz wird zusaetzlich bezahlt.
Mindestens 3 Autos wurden in den letzten Monaten geklaut, Geld aus den Kassen ist verschwunden. In einigen Faellen muessen es Mitglieder von Cecosesola gewesen sein. Die Arbeitszeiten sind explodiert:
Freitags, Samstags gehts um 5:30 Uhr los und waehrend frueher um 17 Uhr Schluss war, gehts mittlerweile oft bis 21 oder 22 Uhr. Abgesehen von Schlafmangel und Ueberarbeitung ist das auch ein Problem wegen der Unsicherheit in den Strassen. Bei einer solchen Gelegenheit wurde ein Auto der Kooperative, dass Menschen nach Hause brachte, von einer bewaffneten Bande ueberfallen. Eduardo, der Fahrer, wurde mitgenommen und in einem anderen Stadtteil aus dem Auto geworfen.
Es sind schwere Zeiten fuer Solidaritaet in einer Gesellschaft, die sich immer mehr zum Ueberleben auf Kosten anderer entwickelt. Umso bewundernswerter, dass Cecosesola an dem Prinzip festhaelt, dass fuer die community und nicht nur fuer die Mitglieder gearbeitet wird. Andererseits zeigt sich auch die Krisenfestigkeit der aufgebauten Strukturen. Viele hierarchische Betriebe aehnlicher Groesse sind schon pleite gegangen. Mit ihrem Lohn, Krankenversicherung, Mittagessen und Zugang zu guenstigen Lebensmitteln haben die Arbeiter_innen von Cecosesola immer noch etwa 3mal so viel wie der Grossteil der Venezolaner_innen. Das zeigt doch, dass es Sinn macht, solidarische Strukturen aufzubauen. Und dass das Zeit braucht und Dranbleiben und Weiterentwickeln dafuer wichtig sind – das zeigen die 50 Jahre von Cecosesola eindruecklich.


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