Intercambio – Austausch mit CECOSESOLA 2017

intercambio holzmachen

Ein externer Blick auf Kommunen und Kollektive in Deutschland

Von Marian Madeleine Perez Jimenez

Von Juni bis August 2017 hatten wir zwei compañeros aus der venezolanischen Kooperative CECOSESOLA zu Gast. Auf dem Projektehof Wukania und auf dem Hof Ulenkrug haben Elvis und Marian eine Zeitlang mitgearbeitet und den Alltag geteilt, außerdem haben wir gemeinsam die Kommune-Netzwerke Region Kassel und Wendland besucht, Kollektivbetriebe und Hausprojekte in Berlin und einige mehr. An vielen Orten haben die beiden von den Erfahrungen bei Cecosesola und ihren Eindrücken hier berichtet und wir haben gegenseitig viel voneinander lernen können. Bei vielen aus den beteiligten Projekten hier wie dort hat der Austausch andere, kritische Sichtweisen auf das eigene Projekt ermöglicht. Für die Projekte in Deutschland fanden wir dafür die kritischen Anmerkungen der beiden Besucher_innen besonders anregend und möchten hier eine gekürzte Fassung von Marians Bericht veröffentlichen.

Ich habe mal in einem Buch gelesen:
„Wer sich nicht bewegt, spürt seine Ketten nicht“. Ich danke euch, denn mich mit euch zu bewegen hat mir ermöglicht, meine Ketten und die Ketten meiner Landsleute zu spüren, aber es hat mir auch die Kraft gegeben, um den Kampf zu führen, sie abzustreifen. Ohne Zweifel war alles bei diesem Austausch es wert, ihn gemacht zu haben. Danke, unendlich vielen Dank für so viele Emotionen, so viele Erfahrungen, so viele Perspektiven!

Ich erinnere mich, wie wir in Berlin ankamen. Der Weg vom Flughafen war voller neuer Eindrücke: beeindruckende Architektur, Supermärkte an allen Ecken, PKWs neuesten Modells, gigantische Gebäude aus Glas, die ich nur aus Zeitschriften kannte, superbreite Alleen – viele Eindrücke, die ich im selben Moment nicht verarbeiten und analysieren konnte. Die nächsten Tage und viele Gespräche haben mir erlaubt, Stück für Stück zu verstehen, wie ein so unglaublich reiches Land funktioniert, und am eigenen Leib zu spüren, was ich nur aus Büchern wusste: wie ungleich und ungerecht diese Welt ist, wie ungleich die Ressourcen verteilt sind, wie sehr die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer.

Stück für Stück haben wir viele Projekte besucht, alle sehr spannend. Die meisten Projekte und die Formen, sich zu organisieren, waren für mich neu; vor allem die, die zusammenleben, fand ich super interessant. Es hat mich überrascht, dass tendenziell alle Teil von wichtigen politischen Kämpfen waren. Ich hatte den Eindruck, dass viele compañeros aus diesen Projekten Zugang zu einer sehr guten universitären Bildung hatten, und obwohl einige vielleicht nicht studiert haben, konnte man leicht merken, dass es sich um intellektuelle compañeros handelt, die einen kritischen Blick haben auf das kapitalistische System und auf die Unterdrückungssysteme, die diese arme, schon so geschundene Welt in Ketten halten.
Es hat mich fasziniert, dass die meisten Projekte von Menschen gemacht wurden, die politisch sehr aktiv zu den Themen Rassismus, Feminismus, Gentrifizierung, Ökologie, Flüchtlinge arbeiten, und zu vielen Themen mehr. Ich habe die selbstlose Arbeit von vielen dieser Menschen bewundert, eine Arbeit, um wirklich sehr kleine Veränderungen zu bewirken, die aber große Bedeutung haben.
Gleichzeitig gab es Widersprüche, die ich nicht geschafft habe zu verstehen: Zum Beispiel gab es in einigen Projekten viele Aktivitäten gegen Rassismus, aber dennoch (und das war seltsam für mich zu beobachten) gab es keine einzige Person of Color, die in diesen Orten lebte oder regelmäßig zu Besuch war.
Ein Beispiel für etwas anderes ist Wukania, dort gibt es eine Wohnung für Geflüchtete, und es war wunderbar, diese compañeros mit all diesen Lebensgeschichten kennenzulernen, mit diesem sehr menschlichen Willen, für ein besseres Leben zu kämpfen und mit diesen unterschiedlichen Arten, das Leben zu sehen, die nicht deshalb weniger wichtig wären. Ich nutze die Gelegenheit den Leuten von Wukania zu gratulieren, dass ihr eure Türen geöffnet habt und diesen Menschen die Gelegenheit gebt, einen Ort zu haben, und dass es egal ist woher wir kommen, welche Sprache wir sprechen und welche Hautfarbe wir haben, denn es gibt andere Gefühle, die uns verbinden und die eine universelle Sprache haben.

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Mir ist in den Projekten auch aufgefallen, wie viel Platz der individuelle (Frei-)Raum einnimmt – dass Menschen zum Beispiel nicht zum Plenum kommen, obwohl sie sich doch für kollektives Leben entschieden haben. Zwei Stunden Treffen pro Woche finden viele zu viel – bei uns treffen wir uns an zwei bis drei ganzen Tagen pro Woche. Es hat mich besonders verwundert, weil in Deutschland durchschnittlich jede_r viel mehr Zeit und Geld für Persönliches zur Verfügung hat als bei uns.

Viele Gruppen haben eine Menge Ressourcen zur Verfügung – Platz, Räume, Produktionsmittel, Fähigkeiten – und nur wenige machen das zugänglich und nutzbar für mehr als die eigenen Mitglieder oder die eigene Szene. Ein positives Beispiel dagegen fand ich die Projekte Solidarischer Landwirtschaft oder einige Nachbarschafts-Selbsthilfewerkstätten.

Deutschland zu besuchen und mich dort viel mit Elvis auszutauschen, hat mir auch ermöglicht, unsere Organisation Cecosesola tiefgehender zu verstehen, und mit Hilfe des kritischen Blicks von einigen compañeros, die wir kennengelernt haben, uns zu reflektieren und zu analisieren. Wir wissen, dass wir als Organisierungsprozess viele Einschränkungen und Probleme haben, die wir aber versuchen zum Anlass zu nehmen, uns als Gruppe und als Einzelne einer Selbstreflexion zu unterziehen. Das alles hat in mir Gefühle erweckt, die mich Tag für Tag motiviert halten, trotz der politischen und ökonomischen Situation in Venezuela, die sich immer weiter verkompliziert. Jeden Tag zu erleben, wie wir in unseren Treffen die Dinge analysieren, wie wir uns gegenseitig helfen, das ist ohne Zweifel der beste Beweis dafür, dass wir weiter gemeinsam an einem Weg bauen.


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