Wie soll’n wir das machen?

Die AG­Be­ra­tung (AGB) ver­öf­fent­lich re­gel­mä­ßig eine Ko­lum­ne in der CON­TRAS­TE. Hier die Num­mer 27:

Wie habt ihr das eigentlich früher gemacht? lautet in Beratschlagungen wiederkehrend eine häufig gestellte Frage. Wie habt ihr angefangen, warum hat das geklappt, wie seid ihr mit Streit umgegangen, sag’ doch mal wie’s geht? Sie werden nicht nur, aber vornehmlich an die gerichtet, bei denen z.B. die ergrauten Haare auf eine schon länger gelebte Mindesthaltbarkeitsdauer hindeuten.

Ja, wie liefen unsere Projekte damals, soweit mein persönlicher Horizont reicht? Soll die Beratung etwa zu einer Märchenstunde über den linken Zauberwald der vergangenen späten 70igern werden? Halb geschmeichelt und halb irritiert lehne ich mich zurück. Was hat denn das jetzt bitte mit der aktuellen Situation in eurem Projekt zu tun, was soll so ein Rückblick bringen?
Nun, bei genauerem Betrachten gibt es in den letzten 10 – 15 Jahren eine durchaus weit verbreitete Neugierde an der Vergangenheit, besonders unter Projektstarter*innen. Diese verwundert und erfreut zugleich. Es verwundert deshalb, weil wir selber in den 70/80igern niemand hatten, den/die wir hätten so etwas fragen können. Und selbst wenn, wir hätten die Antworten gepflegt ignoriert, weil wir ohnehin alles besser wussten und natürlich auch konnten. ‚Learning by doing’ und ‚Versuch & Irrtum’, das waren die Prinzipien, auch wenn uns unsere Experimente gelegentlich um die Ohren geflogen sind, da gab es nichts! Es erfreut andererseits, dass sich jemand für die Erkenntnisse aus den Jahrzehnten interessiert, und zwar für die praktische Nutzanwendung und nicht für den Sammelband ‚40 Jahre taz’. Die vielen selbstverwalteten Leiden(schaften) – im wahrsten Sinne des Wortes – bekommen somit eine späte Ehrung. Wirklich?

Es geht also um Erfahrungen. Sie versprechen vielleicht Orientierung zu geben, die Wiederholung von Fehlern zu vermeiden, Bewährtes zu nutzen, Bestätigung der eigenen Ziele zu liefern, mutmachend zu wirken oder Enttäuschungen präventiv zu umgehen. Das alles steckt in der Neugierde, mindestens.
Doch jegliche Erfahrungen, auch die der linken, selbstorganisierten Gemeinschaftsprojekte, sind Spiegelbild gesellschaftlicher Wirklichkeit. Sie lassen sich nur deuten, be- und auswerten vor der jeweiligen Kulisse in der sie gemacht, also ‚erfahren’ wurden, individuell und gesellschaftlich. Eine spätere Wiederverwendung oder ein Recycling ist nicht möglich. Über und aus Erfahrungen können wir erzählen, doch sie können einfach nicht weitergegeben, jedenfalls nicht im Sinne von direkter Übertragung!
Trotzdem sind sie als scheinbar wertvoller Schatz in aller Munde, werden als Qualitätsmerkmal von Menschen und Institutionen hoch gehandelt. Und können Gruppen doch so lästig werden. Besonders wenn Neues beschlossen werden soll, murmelt ein Background-Chor in Gruppen nicht selten: das haben wir doch schon probiert, da haben wir aber schlechte Erfahrungen mit gemacht, das klappt erfahrungsgemäß nicht, damit gibt’s doch schon genug Erfahrungen, usw.
Ja, was denn nun? In unserer Beratungsarbeit und für alle, die meinen Erfahrungen einspeisen zu müssen oder zu sollen, besteht die Hauptaufgabe in einer vorangehenden Transformation dieses besonderen Wissens. Es muss zuvor auf die aktuellen Bedingungen übersetzt, angepasst, sortiert und gefiltert werden. Wenn der Versuch einer Vermittlung nicht in einer linken Märchenstunde münden soll. So eine mag manchmal bei den Beteiligten zwar für leuchtende Augen sorgen, doch ein sinnvoller Beitrag zu einem aktuellen Vorgang kommt so nicht zustande. Und das ist auch sehr gut so. Denn jedes Vorhaben hat ein Recht auf seine eigenen Fehler. Sie sind sogar für eine solide und offene Entwicklung von Gruppen unerlässlich, denn sie liefern den Lernstoff für wichtige Entscheidungsprozesse in Gemeinschaften. Auch wenn sie gelegentlich als sehr ärgerlich und nervend empfunden werden.
Und wo bleiben unsere Erfahrungen nun, selbst wenn sie zeitnah aufgearbeitet sind? Wenn schon Fehler in Projekten unvermeidlich sind, dann sollte das Wissen dazu beitragen, dass wenigstens neue Fehler gemacht und nicht bereits ‚erprobte’ ständig wiederholt werden. Das langweilt und bringt unsere Vorhaben nicht voran. Und weiterhin können sie als Seismographen gute Dienste leisten. Wenn z.B., durch den Vergleich mit ähnlichen Konstellationen und Entwicklungen in der Vergangenheit, die Klippen auf dem gerade anliegenden Kurs frühzeitig lokalisiert werden können.

‚Aus Erfahrung gut’, dieser alte Werbeslogan stimmt selten. Erfahrungen helfen halt nicht wirklich weiter, doch ohne sie gelingt auch selten ein ‚Sprung nach vorn’. Das ist doch einfach zu verstehen, oder?


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