Neues von CECOSESOLA: »Ein Prozess, den wir laufend neu erfinden«

Cecosesola ist ein Netzwerk von 50 Organisationen, die in verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren in Venezuela tätig sind (unter anderem Lebensmittelproduktion und -verkauf, Gesundheitssystem, Bestattung). Das Netzwerk wurde vor 53 Jahren gegründet und kann als ein kollektiver Prozess kultureller Transformation verstanden werden. Cecosesola betreibt diese Transformation trotz der Krise in Venezuela und der Corona-Pandemie weiter.

Als Intercambio-Gruppe, zu der auch Menschen aus der PaG (Projektewerkstatt auf Gegenseitigkeit) vom Karlahof und aus Wukania gehören, haben wir auf Wunsch einiger companier*s von CECOSESOLA Fahrradmäntel, -schläuche und eine Menge andere Fahrradteile nach Venezuela geschickt, um den Aufbau einer Fahrradwerkstatt und die Nutzung von Fahrrädern angesichts der vielfältigen Krise zu unterstützen. Ein kleiner Teil sind gebrauchte Reflektoren, Lampen und Klingeln, der Großteil sind Verschleißteile und deshalb neu gekauft: Mäntel, Schläuche, Helme, Bremszubehör, Schaltzüge, Pumpen, u.a. Die Verschickung hat 2919,42 Euro gekostet, der Großteil wurde bereits aus Spenden finanziert, aktuell fehlen uns noch 736,48 Euro. Das Spendenkonto findet ihr am Ende dieses Beitrags.
Aufgrund der wirtschaftlichen Krise sind Importwaren in Venezuela kaum zu bekommen, eine Produktion der genannten Teile im Land gibt es nicht.

Zwei Artikel, übersetzt vom deutschen Teil der Intercambio mit CECOSESOLA-Gruppe, erschienen im September und Oktober in der CONTRASTE.

CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation, September 2020, Teil 1

Cecosesola stellt als gemeinnützige Organisation einen fundamental wichtigen Faktor für das Überleben eines nennenswerten Anteils der Bevölkerung in Venezuela dar – besonders unter den derzeitigen Umständen. Das sagt viel aus über ihre Möglichkeiten in puncto Resilienz.

Eine gemeinschaftliche Antwort auf die Pandemie
Von einem Autor*innenkollektiv von Cecosesola-Mitgliedern

Die Situation, die Venezuela durchlebt, ist mit COVID 19 noch um einiges schwieriger geworden. Venezuela ist das Land mit der höchsten Inflation weltweit: 3684 Prozent gegenüber dem Vorjahr, laut der Nationalversammlung. Das hat das Land in das ärmste in der Region verwandelt. Der Mindestlohn liegt bei ca. drei Dollar monatlich. In den letzten sechs Jahren ging das Bruttoinlandsprodukt um ca. drei Viertel zurück, dadurch gingen auch massiv Arbeitsplätze verloren. Im ganzen Land ist die Stromversorgung stark eingeschränkt. Ein landesweiter Mangel an Gas für den häuslichen Bereich hat zur Folge, dass die Verwendung von Holz als Brennstoff sich weit verbreitet hat – einhergehend mit der sich daraus ergebenden Umweltzerstörung. Die Verknappung in der Trinkwasserversorgung ist gravierend, in Zeiten der Pandemie entsteht daraus eine lebensgefährliche Bedrohung. Hinzu kommt die unzulängliche Versorgung mit Medikamenten in einem prekären öffentlichen Gesundheitssystem, darüber hinaus ein dramatischer Mangel an Treibstoff, ein vollständig zum Erliegen gekommenes öffentliches Transportwesen und die enorme allgemeine Verteuerung von Gütern und Dienstleistungen.

Eine resiliente Organisation

Derzeit klagt die Privatwirtschaft über eine massive Konkurswelle, Entlassungen und das Unvermögen, auch nur das aktuelle Lohnniveau zu halten. In unserem Fall leben wir als Mitglieder von Cecosesola eine Realität, die im offenen Widerspruch mit der der anderen Akteur*innen in der Wirtschaft steht. Wir stellen nach wie vor neue Mitarbeitende ein. Im bestmöglichen Fall passen wir unsere Einkünfte so der Inflation an, dass wir weiterhin unsere Grundbedürfnisse befriedigen können, auch indem wir uns gegenseitig mit unseren Solidaritätsfonds, zum Beispiel bei Investitionen, mit Medikamenten und im Bereich Gesundheit unterstützen. Gleichzeitig und in Anbetracht der Hoffnungslosigkeit der Situation, unter der die Bevölkerung leidet, haben wir die Zuschlagsmargen für unsere Produkte und Dienstleistungen reduziert, um die Zugänglichkeit noch weiter zu erleichtern, allerdings ohne unsere wirtschaftliche Stabilität zu gefährden.

Nicht-Gehorchen als notwendige Aktion

Im Netzwerk Cecosesola haben wir 20 kommunale Märkte. Wir versorgen etwa 40 Prozent der Bevölkerung der Millionenstadt Barquisimeto. In einigen unserer Märkte werden bis zu 6.000 Menschen an einem Tag versorgt. Das bedeutet eine große Menschenansammlung. Mit den Einschränkungen durch die Ausgangssperre in Zeiten des Coronavirus mussten wir mehr Menschen in weniger Zeit unter Einhaltung der Abstandsregeln versorgen. Niemand durfte vor 7 Uhr morgens sein Haus verlassen und alle mussten vor 14 Uhr wieder zurückkehren. Das Nichteinhalten des Erlasses wird mit Verhaftung durch die Polizei bestraft. Es war unmöglich, diese Mengen an Menschen in so limitierter Zeit zu versorgen; und ohne Rücksprache mit der Regierung entschieden wir uns dafür, das zu tun, was wir seit über 40 Jahren tun: Wenn ein Gesetz, eine Regel oder irgendeine Anordnung der Staatsmacht unseren Bildungsprozess oder die Bedürfnisse unserer Gemeinschaft behindert, missachten wir diese in aller Stille. Wir tun das, was getan werden muss – ohne Konfrontationen, ohne anzugreifen oder jemanden zu beschuldigen. Für uns ist das Nicht-Gehorchen eine notwendige Aktion, die außerdem versucht den Dialog zu öffnen um Verständnis zu erlangen.

Konkret verließen wir um 3 Uhr morgens unsere Häuser in Richtung Märkte und um 5:30 Uhr öffneten wir für den Verkauf. Gleichzeitig, ohne uns abzusprechen und aufgrund der Einbindung von Cecosesola in das Umfeld, kamen die ersten Menschen, die auf unsere Märkte zählen, um ihr gebeuteltes Haushaltsbudget zu strecken, um 3 Uhr morgens an. Und als wir öffneten, war die Schlange von Menschen, die auf Einlass warteten, bereits fünf Blocks lang. Angesichts des dramatischen Fehlens eines öffentlichen Nahverkehrs haben sich einige zusammengetan und Diesel-LKWs angemietet. Zusammen haben wir gegen den Erlass der Ausgangssperre verstoßen ohne uns vorher abzustimmen. Es hat nicht lange gedauert, bis die öffentliche Verwaltung eine Ausnahmegenehmigung erteilte, die die Konsequenzen der Ausgangssperre für Cecosesola aufhob.

Um Menschenansammlungen wegen Corona zu vermeiden, mussten wir um einen weiteren Verkaufstag erweitern. Das bedeutet fünf Tage hintereinander frühes Aufstehen gefolgt von einem intensiven Arbeitsrhythmus.

Die Gesundheitsdienste

Angesichts der Einschränkungen durch die Quarantäne und wegen der Ansteckungsgefahr hatten wir zunächst Befürchtungen. Die ökonomischen Verluste, die anfangs durch das Herunterfahren der Aktivitäten dieses Bereichs entstanden sind, konnten wir durch die Einbindung der Gesundheitsarbeiter*innen in den Arbeitsalltag in unseren Märkten auffangen.
Mit Blick auf die Verantwortung, die wir für unser Umfeld haben, und unter Anwendung aller denkbaren Schutzmaßnahmen, haben wir sehr schnell reagiert und unsere sämtlichen medizinischen Dienste wieder aufgenommen (medizinische Sprechstunden, Labordienste, Echographie, Röntgen, Operationen, stationäre Unterbringung), obwohl wir uns des Risikos bewusst sind, das wir tragen. Wir sind einer der wenigen alternativen Gesundheitsdienstleister, die in der Stadt weiterhin funktionieren und sich dabei nicht nur auf Covid 19 beschränken.
Mitten in der Pandemie haben wir unser Anliegen weiterverfolgt, Mütter und Väter durch vierzehntägige Workshops für eine natürliche Geburt (ohne Kreisssaal und Kaiserschnitt) weiterzubilden, außerdem die Mütter auf das ausschließliche Stillen vorzubereiten. Diese Workshops finden jetzt online statt.

Unser Prozess der Weiterentwicklung

Wir treffen uns nach wie vor in unseren Versammlungen. Zweifelsohne gestalten sich die Teilnahme an und die Frequenz der Treffen des Netzwerks mit den Quarantäne-Maßnahmen und dem Treibstoffmangel immer komplizierter. Dadurch ist es nötig geworden, Entscheidungen über das Tagesgeschäft aufgrund kollektiv aufgestellter Kriterienkataloge zu treffen, um nicht immer von den Plena abhängig zu sein. Die Herausforderung im Umgang mit der Krise liegt (auch) darin, wie ein »kollektives Gehirn« zu agieren; das allerdings kann nur gelingen auf der Basis der ethischen Grundsätze, die seit Jahrzehnten unseren Prozess der Umformung bestimmen.

CONTRASTE – Zeitung für Selbstorganisation, Oktober 2020, Teil 2 des Artikels über CECOSESOLA

In dieser Ausgabe berichten die Mitglieder von ihren aktuellen Initiativen. Die Fragen stellte ein Autor*innenkollektiv von Cecosesola.

Welche Rolle spielt das Thema Umweltschutz bei eurer Arbeit?

Yadira Oliveros: Covid 19 hat uns erlaubt, über die manchmal deutlich werdende Gleichgültigkeit in Bezug auf die Umweltverschmutzung nachzudenken, und über die Notwendigkeit, größere Verantwortung im Hinblick auf dieses Problem aller Menschen zu übernehmen. In unserem Netzwerk haben wir einige konkrete Aktionen gestartet: Auf unseren Märkten ermuntern wir dazu, keine neuen Plastiktüten zu benutzen und stellen als Alternative wiederverwertbare Beutel zur Verfügung. Außerdem werben wir für die Wiederverwendung von Plastikverpackungen in den verschiedenen Bereichen des Netzwerks und bieten die Möglichkeit an, Reinigungs- und Hygieneartikeln in solchen Verpackungen nachzufüllen.

Gibt es noch andere Initiativen?

Raúl Suarez: Wir produzieren auf unserer Farm Dünger auf der Basis von Kompost aus den organischen Abfällen, die beim Gemüseverkauf auf den Märkten anfallen. Zusätzlich zu unserer Erfahrung in der Kooperative »Las Lajitas«, wo wir seit Jahren den ökologischen Anbau weiterentwickeln, sind zwei Agrarkooperativen des Netzwerkes dazugekommen, wo wir auf ökologische Weise produzieren. Solche Aktivitäten ergänzen wir mit informativen Radiobeiträgen und über die Lautsprecherdurchsagen auf den Märkten. So starten wir einen Sensibilisierungsprozess mit dem Ziel einer umfassenderen Wahrnehmung von Umweltthemen und vor allem der Verringerung der Umweltverschmutzung.

Wir haben gehört, dass es bei euch jetzt erste Ideen gibt, die sich mit erneuerbaren Energien beschäftigen – stimmt das?

Noel Vale: Ja, aktuell nehmen wir zusammen mit vier anderen venezolanischen Organisationen an Workshops und Treffen zu Erneuerbaren Energien teil. Wir wollen bei uns eine Pilotanlage installieren, welche die solare Energie nutzt.

Felipe ergänzt: Um einen gesünderen Lebensstil zu fördern, haben wir angefangen, das Fahrrad als ein Transportmittel bei uns im Netzwerk einzuführen. Die Inspiration dazu entstand beim letzten Intercambio, einem Austauschprojekt zwischen unserer Kooperative und einigen Projektgruppen in Deutschland. Wir regen unter unseren Mitarbeitenden an, mehr Fahrrad zu fahren, außerdem richten wir gerade eine gemeinschaftliche Fahrradwerkstatt ein. Monatlich machen wir bei einer »Fahrradtour für das Leben« verschiedene Touren durch die Stadt, zu denen auch alle unsere Familienangehörigen eingeladen sind, und die mit einer gemeinschaftlichen Putzaktion auf einem der öffentlichen Plätze von Barquisimeto (1) enden.


Bild: Noch vor Corona: Bau des Zimmers für natürliche Geburt im kooperativen Gesundheitszentrum

Was könnt ihr uns über euer Gesundheitssystem erzählen?

Yaneris Rivas: Unser kooperatives Gesundheitszentrum bietet Online-Kurse an, bei denen wir werdende Eltern zum Thema der natürlichen Geburt informieren [Anm. Übersetzung: Normalität in Venezuela ist der Kaiserschnitt]. Bis jetzt haben sich mehr als 500 Väter und Mütter bei uns weitergebildet, mit dem Ziel, sich die natürlichen Geburtsprozesse wieder anzueignen. Im Zuge der Pandemie mussten wir die Form dieser Workshops ändern, jetzt bieten wir sie online an. Wir selbst nehmen online an einem wöchentlichen Seminar für Gesundheitsfachkräfte zum Thema natürliche Geburt teil, das von Argentinien aus angeboten wird, um unseren Ausbildungsprozess zu vertiefen. Daneben werben wir weiterhin dafür, dass Mütter ihre Säuglinge stillen. Die Workshops dazu für Mütter und Familienangehörige finden online statt und werden unter Mitwirkung des kindermedizinischen Teams unseres Zentrums organisiert.

Fahrradersatzteile für Cecosesola

Seit vier Jahren gibt es einen kontinuierlichen Austausch zwischen einigen hiesigen Gruppen und Cecosesola, in der CONTRASTE wurde regelmäßig darüber berichtet. Bei dem hiesigen Teil der Intercambio-Gruppe ist die Idee entstanden, den Aufbau der Fahrradwerkstatt bei Cecosesola mit Fahrradersatzteilen zu unterstützen. Wie alle Importware sind auch Fahrradteile in Venezuela kaum zu bekommen und unerschwinglich. Eine erste Sendung von drei großen Paketen wurde im August auf den Weg gebracht, weitere sollen folgen.

Das Projekt freut sich über Spenden an den gemeinnützigen Verein

Sinnflut e.V.,
IBAN: DE76 1709 2404 0006 0289 77,
BIC: GENODEF1FW1,
Verwendungszweck »Cecosesola« (für die Zusendung einer Spendenquittung bitte im Verwendungszweck auch die Adresse angeben)

Für Nachfragen oder wenn zum Beispiel Fahrradläden uns mit Teilen unterstützen wollen, ist die Gruppe per Mail erreichbar: intercambio-cecosesola ätt systemausfall.org
(1) Hauptstadt des venezolanischen Bundesstaates Lara


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